Beethoven @ 250

Wer braucht Beethoven 2020?

Verfasst am 10. Juli 2016

Wie feiert man einen der meistgespielten Komponisten der Welt? Noch mehr Beethoven– Konzerte und Zyklen? Wohl nicht! Relevant wird Beethovens 250. Geburtstag, wenn er zeigt, inwieweit Beethoven kulturell und gesellschaftspolitisch weiter wirkt und wie wichtig klassische Musik auch in der Zukunft ist.

Warum bestimmt der Zufall des Kalenders, wann sich die kollektive Erinnerung womit beschäftigt? Eine dichte Folge von Jubiläen rhythmisiert das öffentliche Gedenken: einsteinjahr.de, mozart2006.at, haydn2009.at, melanchthon.com/Melanchthon-2010, leipzig1813.com, britten100.org, 1914.org, 100-jahre-erster-weltkrieg.eu ,fallofthewall25.com, shakespeare400.org, leibniz-2016.de, luther2017.de, leonardbernstein.com/bernstein-at-100, bauhaus100.de um nur einige zu nennen und 2020 dann der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens. Soll in der Flüchtigkeit medialer Aufmerksamkeit die Magie der Zahl historische Zusammenhänge dem Vergessen entreißen? Als sei ein Datum umso bedeutender, je mehr es durch ein Vielfaches von 5, 50 oder 100 teilbar ist. Zweifel sind angebracht. Unsere kulturellen Debatten sollten inhaltlich statt kalendarisch motiviert sein. Von der Vergangenheit zu sprechen lohnt nur, wenn sie sich auch auf Gegenwart und Zukunft beziehen lässt. Alles andere droht ritualisierter Festtags – Aktionismus zu bleiben, der über ein beziehungsloses Verehrungsritual nicht hinausreicht.

Wer braucht Beethoven 2020? Beethoven selbst am allerwenigsten. Er gilt  schon jetzt als der meistgespielte Komponist. Welchen Mehrwert würden da noch mehr Beethoven- Konzerte und Zyklen derselben Akteure an den bekannten Orten in der immer gleichen Form bringen?

Beethoven weltweit

Womit beginnen? 250 Jahre Ludwig van Beethoven heißt: Beethoven ist fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Kaum ein Künstler ist so wirkmächtig für die europäische Musik- und Geistesgeschichte geworden wie der 1770 in Bonn geborene Musiker. Durchaus vergleichbar mit Napoleons Bedeutung in der Politik oder Francisco de Goyas Stellenwert in der bildenden Kunst wies Ludwig van Beethoven in der Musik den Weg in die Moderne. Damit schuf er Grundlagen der heutigen Kultur. Seine Persönlichkeit hat im 19. Jahrhundert fast mythische Züge angenommen. Generationen von Künstlern von Franz Schubert bis David Bowie haben sich in Nähe oder Abgrenzung zu Beethoven definiert. Längst wirkt Beethoven über Europa und Musik hinaus. Beethoven wird zum kulturellen Erbe der Menschheit gerechnet. Kein Tag vergeht, an dem Beethoven nicht Millionen Menschen weltweit erreicht, berührt oder inspiriert: in Konzertsälen, im Internet, im Film, in der Werbung und immer wieder auch in der Politik.

Beethoven gehört niemandem und allen. Zu seinem Geburtstag kann deshalb nicht ein bestimmtes Beethovenbild vermittelt werden: Der Europäer oder dergleichen. Nein, das Jubiläum kann nur eine Annäherung an Beethoven als Phänomen sein mit unendlich vielen Facetten, Potenzialen, Abgründen, Vereinnahmungen und Dekonstruktionen. Diese Multiperspektivität wird sich in der Vielfalt der Beteiligten und Formate spiegeln müssen. Deshalb ist es wichtig, den Rahmen der Beteiligung möglichst früh zu definieren.

Zukunft klassischer Musik

Den Stellenwert Beethovens im kollektiven Gedächtnis genau zu bestimmen ist schwierig. Das kollektive Gedächtnis ist nach dem französischen Historiker Pierre Nora die Schnittmenge der vielen individuellen Gedächtnisse einer Gesellschaft. Die Gesellschaften werden jedoch immer heterogener. Damit verschwinden auch die Schnittmengen der individuellen Erinnerungen und die Erinnerungsorte, die im kollektiven Gedächtnis abgelegt sind. Dieses Schicksal teilt auch die klassische Musik. Während sie global gesehen immer mehr Menschen erreicht, wird sie innergesellschaftlich zunehmend als Status–Kultur, als Selbstbestätigung privilegierter Milieus wahrgenommen. Mit dieser Entwicklung geht eine große Gefahr einher: Klassische Musik kann nur relevant bleiben, wenn sie die Gesellschaft in ihrer Pluralität und Dynamik spiegelt. Das Beethoven-Jubiläum wird daher die Frage nach der Zukunft klassischer Musik stellen. Nach Zugängen für möglichst breite Schichten. Wie kann man insbesondere junge Menschen erreichen und begeistern? Wie kann man die Rituale des klassischen Musikbetriebs und die zunehmende Verengung des Repertoires überwinden? Wie die Inszenierung klassischer Konzerte attraktiver und interaktiver gestalten? Eine wichtige Rolle kommt dabei experimentierfreudigen Musikerpersönlichkeiten, neue Wege beschreitenden Ensembles und Festivals zu. Wir brauchen „Beethoven 2020“ als ein Labor für die Zukunft klassischer Musik.

Zurück zu den Wurzeln

Wir brauchen „Beethoven 2020“ zudem, um Beethoven von den einseitig pointierenden Zuschreibungen und Klischees vor allem des 19. Jahrhunderts zu befreien. Etwa vom Image des Misanthropen, vom Genie- und Titanen-Kult, aus der Schublade des isolierten Künstlers, des unerwidert Liebenden, um nur einige zu nennen. Das Jubiläum bietet die Chance für eine historisch informierte Kontextualisierung. Zum Jubiläum können wir das besondere Interesse an Beethoven rückbinden an den kulturhistorischen Hintergrund, in dem er groß wurde und wirkte. Damit gerät in Deutschland insbesondere Beethovens formative Phase im Kurfürstentum Köln in den Fokus. Jene zwei Dekaden von 1770 – 1792, in denen Beethoven als Mensch, Bürger und Komponist geprägt wurde: durch das progressive politische und künstlerische Klima in der Residenzstadt Bonn und die authentischen Orte, die überliefert sind oder sich zumindest rekonstruieren lassen. Wer sind die prägenden Persönlichkeiten in seinem Umfeld? Welches Repertoire spielt Beethoven als Mitglied der Hofoper bis 1792? Wie entwickelt sich das Instrumentarium und Klangbild zur Zeit Beethovens? An welchen Orten kristallisiert sich die Entwicklung Beethovens zu einem überragenden Künstler seiner Epoche? Das Jubiläum kann hier die Tradition historisch spielender Solisten und Ensembles sowie neueste Forschungserkenntnisse und laufende Forschungsvorhaben in Wien und Bonn fruchtbar machen.

Freisetzung von Kreativität

Das Jubiläum bietet die große Chance, Beethovens radikales Künstlertum erneut und erneuert erfahrbar zu machen und Kreativität frei zu setzen. Mit künstlerischer Radikalität ist Beethovens unbedingter Drang zum Neuen, seine routinefreie Innovationskraft, seine unstillbare Sehnsucht nach künstlerischer Erneuerung angedeutet. Beethoven hat für die Kunst gelebt und an die vierhundert Werke hinterlassen. Viele von ihnen gelten als Schlüsselwerke der europäischen Musikgeschichte. Nicht zuletzt weil er sie und ihre jeweilige Gattung (von der Sonate, über das Lied, Quartett, Konzert bis zur Symphonie, Oper und Messe) von Grund auf neu dachte.

Man kann dies auf unterschiedliche Weise erreichen: Unmittelbar durch packende und begeisternde Aufführungen seiner Musik selbst. Wenn existenziell musiziert wird, als würde Beethoven zum ersten oder letzten Mal gespielt. Mit Aufführungen, die keine Sicherheit oder Routine suchen. Aufführungen, die deshalb zu künstlerischen Wagnissen werden, weil sie auch ein Scheitern zulassen. Ich denke an Künstler wie Olli Mustonen, Meta4 oder Teodor Currentzis. Beethovens radikales Künstlertum kann man aber auch mittelbar erfahrbar machen durch Übersetzung. Indem man die Erneuerungsfähigkeit in der Musik selbst zum Thema macht und künstlerische Prozesse anstößt, die neue Werke hervorbringen. Indem man nicht nur Musiker der klassischen  Musik einbindet, sondern auch aus anderen Musikrichtungen unserer Zeit. Oder indem man Beethoven interdisziplinär aufgreift und verstärkt aus der Perspektive zeitgenössischer Literatur, darstellender oder bildender Kunst reflektiert. Nike Wagner, die künstlerische Leiterin des Beethovenfestes spricht zu recht von der Zeitgenossenschaft Beethovens. Wir finden sie vor allem in seinem radikalen Künstlertum, das bis heute visionär, gültig und im besten Sinne des Wortes für alle Kreativen „anstößig“ geblieben ist.

Gesellschaftlicher Diskurs

Beethoven ist über die Musik hinaus von Interesse. Das Jubiläum eröffnet die Chance, sich darüber zu verständigen, wie Beethoven gesellschaftlich weiter wirkt. Beethoven spiegelt die europäische Gesellschaft im Auf- und Umbruch der französischen Revolution und napoleonischen Zeit. Seine Musik wird zur Projektions- und Identifikationsfläche des erstarkenden Bürgertums und einer sich pluralisierenden Gesellschaft. Das Jubiläum bietet die Chance nach der identitätsstiftenden Bedeutung dieser Musik für unsere Gesellschaft fragen. Was haben die Forderungen der Aufklärung mit uns noch zu tun? In welchem Spannungsverhältnis stehen die Versuche politischer Instrumentalisierung Beethovens, von denen die Europahymne nur ein vorläufiger Höhepunkt ist, zu seinen eigenen politischen Vorstellungen? Wie zeitgemäß sind die Utopien von Freiheit, Brüderlichkeit und Weltgesellschaft, um die Beethoven in seinen Werken gerungen hat? Wenn Flüchtlingselend einerseits und „Freude schöner Götterfunken“ andererseits einen kaum auflösbaren Widerspruch bezeichnen, was folgt daraus für 2020? „Wir brauchen die Neunte Sinfonie nicht wegen ihrer schönen Freude-Melodie, sondern weil ihr Komponist in diesem Werk eine radikale Agenda sozialer Inklusion verfolgt“ insistierte der amerikanische Theaterregisseur Peter Sellars bereits 2006 in der Walt Disney Concert Hall: „Solange wir das nicht ernsthaft meinen, sollten wir diese Musik nicht spielen.“

Beethoven selbst braucht kein Jubiläum. Aber wir brauchen ihn und seine Musik als Möglichkeitsraum. 2020 ist unsere Chance für Erneuerung in der Musik, durch Musik und mit Musik.

Malte Boecker

Direktor des Beethoven-Hauses Bonn