Muss es sein?

Vielleicht feiert man Beethoven 2020 am besten, indem man im Jubeljahr gar nicht feiert – eine kleine Polemik

Ludwig! Mir graut’s vor dir.  Das ist natürlich eine nicht ganz korrekte Verkürzung, Sagen wir es so: Mir graut vor dem, was uns im Jubeljahr 2020 erwarten kann, mir graut vor der Vermarktung und Verwurstung des armen Ludwig van B. Ich sehe schon das grauenhaft geschmückte Bonn vor mir, das Ludwig-Porträt mindestens so präsent wie die Deutschlandfahne zu Europameisterschafts-Zeiten. Ich höre die Dauerbeschallung mit Schicksalsmotiv und Götterfunken-Freude. Und am Ende eines langen Beethoven-Tages steht der Besuch in irgendeiner Bonner Kneipe, in der der junge Ludwig vielleicht das ein oder andere Bier getrunken haben könnte. Bonn wird seine sogenannten authentischen Orte schon ausreizen.

Beethoven hat solchen Feier-Aktionismus natürlich überhaupt nicht nötig. Er scheint – Statistik hin oder her – der meistgespielte Komponist der Welt zu sein, allenfalls bedrängt oder überrundet vom Wolfgang Amadeus, der ein bisschen netter daherkommt als der grimmige Typ aus Bonn. Und wahrscheinlich wird man noch in der hintersten Hütte eines Entwicklungslandes jemanden auftreiben können, der schon mal irgendwie irgendwas von Beethoven gehört hat.

Beethoven lässt sich für vieles ge- und missbrauchen. Regisseure haben seinen „Fidelio“ vemutlich in jeder auf der politischen Landkarte erscheinenden Diktatur schon einmal angesiedelt.  Ein besonders apartes Beispiel zur Beethoven-Inbesitznahme: 1951 verfasst DDR-Staatsdichter Johannes R. Becher im Auftrag der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend einen neuen Text für Beethovens Chorfantasie, die sich im Original mit etwas blumigen Versen des österreichischen Dichters Christoph Kuffner auseinandersetzen musste. Beethoven war davon nicht sonderlich begeistert. Bei Kuffner heißt es beispielsweise: „Wenn der Töne Zauber walten/Und des Wortes Weihe spricht,/Muss sich Herrliches gestalten,/Nacht und Stürme werden Licht.“ Becher macht daraus: „Wo sich Völker frei entfalten/Und des Friedens Stimme spricht,/Muss sich Herrliches gestalten/Nacht und Träume werden Licht.“

Diese Fassung hat es nie in den Westen geschafft. 1970, als man sich hüben wie drüben rüstet, den 200. Geburtstag Ludwig van Beethovens zu feiern, erklingt im Osten die Chorfantasie natürlich in der Becher-Fassung, und Willi Stoph, der Vorsitzende des Ministerrates der DDR, schickt noch eine deftige Botschaft voraus: „Das Erbe Beethovens ist schon längst nicht mehr in seiner Geburtsstadt Bonn beheimatet. Es kann nicht von einem Staat bewahrt und fortgeführt werden, in dem die humanistischen Ideen nichts, das maßlose Profitstreben alles bedeuten.“

Beethoven als politische Figur zu vereinnahmen geht immer, auch hier und heute und offenbar gerade jetzt. Als Großbritannien sich für den EU-Ausstieg entschieden hat und die prominenten Brexit-Befürworter abtauchen, ist auf Facebook ein Schild der Londoner Beethoven Street zu finden, versehen mit dem Hinweis: „Aber ein großer Europäer lässt sich auch durch Demagogen nicht aus London vertreiben. Immerhin kam von dort der Kompositionsauftrag für die 9. Sinfonie. Hätten sie doch öfter zugehört: „O Freunde, nicht diese Töne!“ hat Beethoven schon damals den Nationalisten aller Länder zugerufen“.

Es steht zu befürchten, dass das alles 2020 zu einem gewaltigen Chor anschwillt. Die Neunte will eh jeder im Programm haben; wer was auf sich hält, versucht sich am Sinfonien-Zyklus  und hofft, der Musik neue Noten abzugewinnen. Geht’s noch historisch genauer, noch schneller, noch revolutionärer? Man sollte die Stoppuhr parat haben. Es wird reichlich Auftragskompositionen geben, die sich mit Beethoven beschäftigen. Warum, darf man fragen, braucht man dazu ein Jubeljahr?  Man wird unzählige mehr oder minder kluge Reden halten, und am Ende ist womöglich alles wie immer. Wird man mehr über Beethoven wissen? Vielleicht ein paar musikalische Details, mit denen nur der Kenner und Forscher was anfangen kann. Ansonsten dürfte Ludwig van so lebendig oder auch so begraben bleiben, wie er das seit Jahrzehnten ist.

1985, als Europa ein „Jahr der Musik“ feierte und damit vor allem die klassische Musik meinte, konnte sich Mozart-Biograf Wolfgang Hildesheimer in einem Spiegel-Interview ein bisschen mit einem radikalen Gedanken anfreunden: just in diesem Jahr auf Musik komplett zu verzichten, um durch den Verzicht deutlich zu machen, was Musik für das menschliche Leben tatsächlich bedeutet. Mancher kennt das ja aus der Fastenzeit: Nie schmeckt die Schokolade besser als in jenem Augenblick, wo die Kirchenglocken das Ende der Entbehrungen einläuten.

Wäre das ein Ansatz für Beethoven 2020: ein Jahr lang keinen Beethoven zu spielen, um ihn danach geläutert und befreit sozusagen mit neuen Ohren wieder zu entdecken? Besser als die zu befürchtende Landauf-und Landab-Beschallung mit Beethoven-Werken wäre es allemal.
Mit den Gedenkjahren im allgemeinen hat es ja durchaus eine besondere Bewandtnis: Sie mögen nötig sein, um uns daran zu erinnern, dass es jenseits der fürs Überleben notwendigen Voraussetzungen noch etwas gibt, was das Leben lebenswert machen kann. Beethoven 2020 wird – und das ist in den Vorbereitungen fürs Jubiläum immerhin  erfreulich oft zu hören – die sehr dringliche Frage stellen, wie man denn klassische Musik – sofern man sie als schätzens-und bewahrenswert empfindet – einem großen und dazu auch einem jungen Publikum vermitteln kann. Das Zaubermittel dafür hat noch niemand gefunden. Es ist vermessen, es von der intensiven Beschäftigung mit einem Komponisten 2020 zu erwarten. Aber was auch immer an finanziellen Mitteln für das Jubiläumsjahr bereitstehen mag: Vieles davon sollte in die Suche nach dem verlorenen oder noch nicht gewonnenen Zuhörer investiert werden. Und am besten nicht erst in vier Jahren, sondern jetzt. Um es mit Beethoven zu sagen: Muss es sein? Es muss

Ulrich Bumann

Ulrich Bumann

Journalist und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur und Feuilletonchef des Bonner General-Anzeigers.