Naturfreund

Beethoven liebte die Natur in einem romantischen Sinne.

Er fand in ihr Entspannung, Einsamkeit und Inspiration. Mit der Pastorale­-Symphonie komponierte er Musik, die in ihrer organisch-­zyklischen Struktur als klangliches Abbild der Natur gelten kann. Dem Verhältnis von Mensch und Natur wird das Jubiläumsprogramm nachgehen – bis hin zu aktuellen Themenkreisen wie Umweltzerstörung und Nachhaltigkeit.

Beethoven liebte die Natur. Sie war ihm Ort der Erholung und Inspirationsquelle zugleich. Schon als Jugendlicher unternahm er von Bonn aus Ausflüge in die Umgebung, und die Sehnsucht nach dem Landleben sollte ihn sein Leben lang begleiten. Regelmäßig zog er von Wien im Sommer aufs Land, nach Mödling, Heiligenstadt oder Baden, um Ruhe zum Komponieren zu finden. Im Oktober 1810 erwog er gar, ein eigenes Landhaus zu erwerben. Dass er durch seine zunehmende Schwerhörigkeit in der Wahrnehmung der Natur eingeschränkt war, wog angesichts seiner Naturliebe umso schwerer: „welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte“, bekannte er seinen Brüdern in seinem ergreifenden „Heiligenstädter Testament.“

Beethoven war ein „Musik-Konstrukteur“, der in seiner Arbeit vielfach auf einzelne Motive, kurze motivische Bruchstücke, spontane Einfälle zurückgriff und diese später aus-, um- und vielfach überarbeitete. So führte er auf seinen ausgedehnten Spaziergängen in der Natur in der Regel ein kleines Skizzenheft mit, um solche Musik-Bausteine festhalten zu können. Er war also nicht nur ein Naturfreund, sondern das Gehen, das Draußen-Sein ist für Beethoven Musik vielfach konstitutiv.

In zahlreichen Werken fand Beethovens Naturliebe ihren Niederschlag. Als erstes denkt man sicherlich an die Sechste Symphonie, die Pastorale. Beethoven knüpfte mit ihr an eine Tradition an, die Naturbilder musikalisch gestaltet. Er überschreibt die fünf Sätze mit programmatischen Titeln: „Angenehme, heitere Empfindungen, welche bei der Ankunft auf dem Lande im Menschen erwachen“, „Szene am Bach“, „Lustiges Zusammensein der Landleute“, „Donner, Sturm“ und „Hirtengesang. Wohltätige, mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühle nach dem Sturm“. In der „Szene am Bach“ bildet er in der Musik Vogelstimmen nach, die er als „Nachtigall“, „Wachtel“ und „Kuckuck“ in der Partitur identifiziert; in der Gewitterszene sind es die entfesselten Naturgewalten, die musikalisch über den Menschen hereinbrechen.

Die farben- und bilderreiche Musik hat das wirkmächtige Bild von jenem romantischen Beethoven entstehen lassen, der am Bach unter einem schattigen Baum sitzend die „Pastorale“ komponiert. Auffälligerweise gibt es auch darüber hinaus einflussreiche Beethoven-Darstellungen, die im Hintergrund Laubwerk oder eine Landschaft zeigen. Ganz ohne solchen romantischen Überbau bleibt die Pastorale ein Kunstwerk, dass in vollendeter musikalischer Gestaltung das (wechselseitige) Verhältnis von Mensch und Natur thematisiert.

In zwei Liedern erinnert Beethoven ebenfalls musikalisch an den Gesang der Nachtigall: In der Klavierstimme des Lieds Adelaide und in Der Gesang der Nachtigall nach einem Text Johann Gottfried Herders, in dem Beethoven das Klaviervorspiel auf der Grundlage der Vogelstimme gestaltet. Weitere Lieder sind maßgeblich von der Natur beeinflusst: Der Wachtelschlag hat Beethovens Zeitgenossen Friedrich Kuhlau zu einer Reihe von Variationen für Klavier zu vier Händen inspiriert. Der Liederzyklus An die ferne Geliebte lässt vor unserem inneren Auge einen in einer einsamen Landschaft sitzenden Sänger entstehen, der seiner Geliebten singt und Vögel, Bäche und Wolken als Mittler zu ihr anruft. Der Text des Operndichters Pietro Metastasio „Oh care selve“ (WoO 119) beschwört die Natur als Ort der Freiheit. In Seufzer eines Ungeliebten von Gottfried August Bürger erkennt der Protagonist überall in der Natur Liebe – nur er selbst fühlt sich ungeliebt. Noch häufiger sind Naturschilderungen in Beethovens Volksliedbearbeitungen anzutreffen. In der Goethe-Vertonung Meeresstille und glückliche Fahrt ist die Natur insbesondere als Sinnbild präsent.

Dass die Natur in Beethovens Werken durchaus auch bedrohliche Seiten kennt, zeigt bereits die Gewitterszene in der Pastorale. Tatsächlich hatte spätestens seit den verheerenden Erdbeben von Lissabon 1755 und Messina 1783 der Optimismus der Aufklärung einen starken Dämpfer erlitten. Beethoven selbst war in seinem Leben mehrfach mit Naturkatastrophen konfrontiert: Das furchtbare Eis-Hochwasser in Mitteleuropa im Winter 1784 zwang die Familie, unter abenteuerlichen Bedingungen aus der Bonner Rheingasse auszuziehen. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora hatte im Jahr 1816, das als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging, weltweit eine große Kältewelle und Hungersnot zur Folge.

Die Umweltbedingungen, insbesondere die Trinkwasserversorgung im 18. und frühen 19. Jahrhundert waren schlecht, was dazu führte, dass man (sauberen) Wein bzw. Bier gegenüber dem schmutzigen Trinkwasser regelmäßig vorzog – mit längerfristigen schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit. Auch die Luft war verschmutzt – brieflich beklagte Beethoven „die schlechtere Luft in der stadt.“ Der Gestank trug wesentlich dazu bei, dass alle, die es sich leisten konnten, in den Sommermonaten Wien verließen. Gleichzeitig begann zu Beethovens Lebzeiten, zunächst in England, die Industrialisierung und damit eine Naturzerstörung, deren Folgen wir bis heute spüren.

Beethovens Biografie und sein musikalischer Mensch-Natur-Ansatz sind Ausgangspunkte für das Jubiläumsprogramm, Umweltschutz und Nachhaltigkeit aus der Perspektive von Kunst und Kultur zu thematisieren und zu diskutieren.

Christine Siegert & Christian Lorenz

 

BEETHOVEN PASTORAL PROJECT

A Global Statement for the Preservation of Nature. Ein Projekt von BTHVN2020 in Zusammenarbeit mit dem UN-Klimasekretariat.

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